Samstag, 7. Dezember 2019
   
"Kritischer Menschenfischer mit vielen Facetten"
Pfarrer Rainer Maria Schießler zeigte bei Lesung in Traunstein, wie Kirche wieder begeistern kann
Bericht und Bilder von Axel Effner, Traunsteiner Tagblatt
 

Wenn Pfarrer Rainer Maria Schießler auftritt, dann fliegen die Fetzen. Als Bestsellerautor, Talkshowgast und Seriendarsteller („München Grill“) nimmt Münchens bekanntester Geistlicher kein Blatt vor den Mund, wenn es um notwendige Reformen in „seiner Kirche“ geht. Bei einer Lesung im Rahmen der Chiemgauer Kulturtage folgten rund 400 Besucher Schießlers emotionsgeladenen und funkensprühenden Vortrag in der Berufsschulaula in Traunstein.
Bereits zum Auftakt sorgte der 58-Jährige für eine Überraschung: Sein Honorar spendete er spontan für das neue Hospiz in Bernau, für das die Einnahmen des Abends vorgesehen waren, wie Büchereileiterin Anette Hagenau erläuterte.
Es ist wohl gerade Schießlers unkonventionelle Art als Pfarrer, die ihm die Herzen der Menschen zufliegen lässt und ihm in seinen beiden Münchner Kirchengemeinden St. Maximilian und am Viktualienmarkt ein volles Gotteshaus beschert. Wie ein Motivationstrainer Gottes kämpft er auf der Bühne für eine Kirche, die sich mit Humor und Begeisterung für die Menschen und ihre Problemen öffnet anstatt engstirnig in blutleeren Regularien zu erstarren. Die die Bewahrung der Schöpfung als eines ihrer Kernanliegen erkennt und sich politisch einmischt.
Schießler erinnerte an seine Jugend in München, „in der die Kirche ganz selbstverständlich zum Leben dazu gehört hat“. Heute gerate die Kirche aus dem Zentrum immer mehr an den Rand. Glutenfreie Hostien, Ökumene, Missbrauch, Zölibat und Priestermangel, Frauenordination und die Eucharistie für wiederverheiratete Geschiedene seien Themen, die viele Menschen beschäftigen, aber von den Kirchenoberen nur sehr zögerlich oder überhaupt nicht diskutiert würden. Darüber müsse man reden, aber: „Es gibt keinen größeren Haufen beleidigter Leberwürste als die katholische Kirche“, kritisierte er.
„Auftreten statt austreten“, sei das Motto, erklärte der Münchner Pfarrer. Wenn die mehr als 200.000 Katholiken, die jährlich der Kirche den Rücken kehren, ihren Willen gegenüber der Obrigkeit deutlicher artikulieren würden, bekäme auch die Kirche wieder ein menschlicheres Gesicht.
Er könne sich „keinen großartigeren und vielseitigeren Beruf als Pfarrer“ vorstellen, gestand Schießler, der bereits seit über 25 Jahren in seiner Pfarrgemeinde St. Maximilian tätig ist. Anhand zahlreicher Anekdoten machte der Geistliche deutlich, wie er im Glockenbachviertel und am Viktualienmarkt durch Offenheit auch gegenüber Homosexuellen und ökumenischer Eucharistie Menschen für die Mitwirkung in „seiner Kirche“ begeistern könne. Das große freiwillige Engagement vieler Jugendlicher freue ihn besonders. Es sei wichtig, „zu zeigen, wo wir als Kirche was bewegen können“.
Durch Pfarrerkollegen, seine in Freilassing geborene Mutter und die gewitzte Patentante  aus der Nähe von Traunreut machte der Münchner persönliche Bezüge in den Chiemgau und Rupertiwinkel deutlich. Letztere habe noch mit 70 den Führerschein gemacht, um zum nahegelegenen Friedhof fahren zu können.
„Beten verändert nicht die Umwelt, sondern etwas in uns“, gab der Geistliche den Zuhöreren mit auf den Weg. Wer die Welt verändern wolle, müsse bei sich anfangen. Anhand einiger Bibelstellen machte der Geistliche deutlich, welche Impulse einer „Frohen Botschaft“ für das eigene Leben man in der vermeintlich antiquierten Schrift wiederentdecken könne.
Dass die im Programm angekündigte „Lesung“ nur kurz zum Tragen kam, mag man dem Autor der beiden Bestseller „Himmel, Herrgott, Sakrament“ und „Jessas, Maria und Josef“ nachsehen. Schließlich versteht er sich selbst eher als Mann des gesprochen als des geschriebenen Wortes.

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